BRANDSCHUTZ – FACH­IN­FOR­MA­TIO­NEN FÜR PROFIS

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Barrierefreiheit und Brandschutz

Im Jahr 2030 wird ein Drittel der Bevölkerung über 65 Jahren alt sein. Schon heute lebt jeder Zehnte mit einer anerkannten Schwerbehinderung, die Tendenz ist steigend. So vielfältig körperliche oder geistige Einschränkungen auch sein mögen, so groß sind aber auch die Möglichkeiten, diesen mit durchdachter Architektur zu begegnen.

Vor diesem Hintergrund hat die Rudolf Müller Mediengruppe vor drei Jahren das neue Geschäftsfeld "bfb barrierefrei bauen" gegründet. Die Architektin Tanja Buß leitet das Geschäftsfeld, das sich zum Ziel gesetzt hat, alle Bauschaffenden von der ersten Idee bis zur gebauten Lösung zu unterstützen und einen konstruktiven Beitrag zur Realisierung einer inklusiven Architektur zu leisten. Im Folgenden gibt sie eine kurze Einschätzung zur Entwicklung des barrierefreien Bauens sowie zu Anforderungen an Barrierefreiheit und an den Brandschutz.

Welche Akteure treiben das Thema barrierefreies Planen und Bauen derzeit voran?

Architekten, Ingenieure und Bauausführende sind die ersten Ansprechpartner, wenn es um barrierefreie Gebäude oder die Barrierereduzierung im Bestand geht. Aber auch Genehmigungsbehörden und Kommunen sind gefordert, die steigenden gesetzlichen Anforderungen in die Praxis umzusetzen. Einen großen Anteil haben auch die oft ehrenamtlich tätigen Behindertenbeauftragten, die z.B. bei öffentlich zugänglichen Bauprojekten angehört werden. Nicht zuletzt bemerkt man ein Umdenken auf Seiten der Bauherren. Immer mehr Investoren und Betreiber erkennen: Barrierefreiheit entwickelt sich zum Wettbewerbsvorteil.

Was tut sich in der Gesetzgebung und Normung? Ist die Barrierefreiheit dort bereits fest verankert?

Die Normenreihe DIN 18040 "Barrierefreies Bauen –Planungsgrundlagen" gibt es bereits seit mehreren Jahren. Der Teil 1 für öffentlich zugängliche Gebäude und Teil 2 für Wohnungen sind in fast allen Bundesländern bauaufsichtlich eingeführt – wenn auch mit Einschränkungen. Dennoch ist der souveräne Umgang mit den Schutzzielen für viele Architekten und Planer noch ungewohnt. Denn je nach Gebäudeart und Nutzergruppe sind ganz unterschiedliche Lösungen angemessen und sinnvoll. Es kann schwierig sein, dafür ein schlüssiges Konzept zu entwickeln. Insbesondere bei komplexeren Projekten, öffentlichen Gebäuden oder besonderen Nutzergruppen empfiehlt es sich, frühzeitig einen Fachplaner für barrierefreies Bauen einzubinden.

Auch beim Brandschutz sind etliche Anforderungen zu berücksichtigen. Geraten diese mit der Barrierefreiheit in Konflikt?

Es ist durchaus eine Herausforderung, Rettungswege so zu gestalten, dass sie für alle – also auch für Menschen mit Behinderung – selbstständig und sicher nutzbar sind. Leider ist das Prinzip der Selbstrettung für Menschen mit Einschränkungen oft nicht gegeben, da z.B. die allermeisten Aufzüge im Brandfall nicht benutzt werden dürfen. Dabei gibt es durchaus Lösungen, die einen sicheren Weiterbetrieb von Aufzügen im Brandfall ermöglichen.

Nur mit hohem Kraftaufwand zu öffnende Brandschutztüren sind ebenfalls ein Klassiker. Für Menschen, die einen Rollstuhl, Rollator oder Gehstock nutzen oder auch für ältere, gebrechlichere Menschen sind solche Türen oft ein unüberwindbares Hindernis. Zu bedenken ist auch, dass die zweiten Rettungswege, z.B. anleiterbare Fenster, für viele Menschen kaum nutzbar sind.

In öffentlichen Gebäuden sollte auf eine barrierefreie Kennzeichnung von Rettungswegen geachtet werden, so dass sich z.B. auch blinde Menschen über die Fluchtwege informieren können. Bei der Alarmierung gilt es, das Zwei-Sinne-Prinzip zu beachten, also z.B. eine Brandmeldung nicht nur akustisch sondern auch optisch zu signalisieren, beispielsweise mit Blitzleuchten. Berlin fordert z.B. für Beherbergungsstätten, dass „blinde und stark sehbehinderte sowie hörbehinderte Gäste … durch die Betriebsangehörigen oder durch geeignete taktile, akustische oder optische Hinweise über die Rettungswege zu informieren“ sind.

Die Barrierefreiheit wird bei der Planung von Rettungswegen leider wenig berücksichtigt. In den allermeisten Brandschutzkonzepten wird auf den Betreiber verwiesen und damit auf den organisatorischen Brandschutz. Zudem vertraut man auf eine leistungsfähige Feuerwehr. Die Frage ist, ob das alleine ausreicht, in Anbetracht einer älter werdenden Gesellschaft und der damit einhergehenden, steigenden Anzahl von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. Es wäre sinnvoll, in Zukunft Aspekte der Barrierefreiheit frühzeitig in der Brandschutzplanung zu berücksichtigen.

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