Historische Brandereignisse: Brandkatastrophe von Tokio und Yokohama 1923
Im nächsten Artikel unserer Serie zu den prägenden Brandkatastrophen der Geschichte bringen wir das „Große Kanto-Erdbeben« in Erinnerung und beleuchten die Ursachen der sich daraus entwickelnden Brandkatastrophe.
Nach dem Erdbeben brannten die Metropolen
Am 1. September 1923 erschütterte ein Erdbeben die auf der japanischen Hauptinsel Honshu gelegene Kanto-Ebene. Hier liegen auch die beiden Metropolen Tokio und Yokohama. Das Beben gegen 12 Uhr mittags erreichte eine Stärke von 7,9 auf der im folgenden Jahrzehnt eingeführten Richterskala. Mit über 140.000 Todesopfern zählt das „Großes Kanto-Erdbeben“ zu den verheerendsten Naturkatastrophen der Neuzeit.
Doch nicht die etwa zehnminütige Erschütterung einer an Erdbeben gewöhnten Region war für die erschreckenden Opferzahlen verantwortlich. Die weitaus meisten Menschen starben in der sich unmittelbar darauf entwickelnden Brandkatastrophe. Die Ursachen lagen in einer für den Katastrophenschutz riskanten Verflechtung von Tradition und Moderne. Denn während die seinerzeit in Japan noch neuen Gebäude aus Stein zusammenbrachen, hielten die aus Holz und Papier bestehenden Wohnhäuser dem Beben weitgehend stand. Das über dem Pazifischen Feuerring gelegene Japan muss monatlich durchschnittlich 73 Erdbeben mit Skalenwerten ab 4 aushalten – Tokio ein größeres Erdbeben alle 70 Jahre. Daraus ergeben sich Erfahrungswerte, die den Städtebau bis heute prägen.
Jedoch durchzogen 1923 bereits viele Gasleitungen die japanischen Millionenstädte, an die unzählige Kochstellen und die Straßenbeleuchtung angeschlossen waren. In vielen Häusern entlang verwinkelter, schmaler Gassen wurde gerade das Mittagessen über Gasbrennern zubereitet. Das Erdbeben brach diese Gasleitungen an vielen Punkten auf. Das Gas entzündete sich und lief in großen Feuerwalzen über Tokio und Yokohama. Angefacht von einem Taifun, zerstörte der verheerende Flächenbrand nun in kurzer Zeit genau die traditionellen Holzsiedlungen, die das Erdbeben überstanden hatten.
Zerstörungen bis zu 90 Prozent
Augenzeugen konnten die dichten Rauchschwaden über der 2,3-Millionen-Einwohnerstadt Tokio noch aus 160 Kilometer Entfernung beobachten. Die Stadtbewohner flohen vor dem Feuersturm. Rund 30.000 Menschen suchten auf dem Militärgelände Rikugun Honjo Hifukusho am Sumida-Fluss Zuflucht. Sie wurden vom Flammenmeer eingeschlossen und kamen alle um – nicht zuletzt infolge explodierender Munitionsbestände. Es existieren verstörende Fotos von verkohlten Körpern, die auf großer Fläche wie Hügel aufgeschichtet erscheinen. Doch nicht nur die Gasleitungen, auch viele Wasserleitungen brachen beim Erdbeben, was ebenso verhängnisvoll für die Löscharbeiten war wie die starken Windböen. Zudem standen in ganz Tokio mit seinen lediglich 25 Feuerwachen nur 37 Löschfahrzeuge zur Verfügung.
Erst nach zwei Tagen waren die Stadtbrände von Tokio und Yokohama gelöscht. Das hinzugezogene Militär warf die vielerorts liegenden Leichen kurzerhand in die brennenden Häuser, berichten Journalisten. Nur so hätten sich Epidemien verhindern lassen. Am Ende war Yokohama zu 90, Tokio zu 80 Prozent zerstört. Fast zwei Millionen Obdachlose drängten sich an den wenigen Frischwasserstellen. Plünderer zogen durch die rauchende Ruinenlandschaft. Besonders bitter: Während noch die letzten Rauchschwaden aufstiegen, kam es zu Massakern an in Japan lebenden Koreanern, denen sich rasch ausbreitende Gerüchte Brandstiftung vorwarfen. Bis zu 6.000 Menschen sollen der Wut der Überlebenden zum Opfer gefallen sein.
Die Lehren aus dem Inferno
Keine zwei Wochen später wurde ein Wiederaufbauprogramm beschlossen. Tokio sollte nicht nur Japans Hauptstadt bleiben, sondern auch eine umfassende Modernisierung erleben. Es war aufgefallen, dass allein Stahlbetonbauten die Katastrophe überstanden hatten. Diesem Baustoff gehörte fortan die Zukunft. Gebaut werden sollte nun so, dass sowohl das Risiko eines Erdbebens als auch von Bränden gesenkt wurde. In den Folgejahren entstanden in den Großstädten breitere Straßen. Brücken und Kanalsysteme wurden erneuert.
Vor allem öffentliche Einrichtungen wie Krankenhäuser, Schulen und die Großmarkthalle Tsukiji wurden nun häufig in Stahlbetonbauweise errichtet. Außerdem traten die Stadtplaner der erneuten Ansiedlung von Holzhäusern in unübersichtlichen, engen Vierteln entgegen. Japan führte aus dem Ausland moderne Feuerwehrfahrzeuge ein. Zugleich wurden 10.000 Hydranten aufgestellt – auch dies eine brandschutztechnische Neuerung in einem Land, das aus Sicht einiger Historiker erst mit der Bewältigung dieser Katastrophe in der Neuzeit angekommen war. Alljährlich gedenkt Japan dieses Ereignisses am 1. September, dem Katastrophenvorsorgetag.
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