Historische Brandereignisse: Großer Brand von London 1666
Unsere Serie beleuchtet in loser Folge prägende Brandkatastrophen der Geschichte – prägend deshalb, weil hier nicht ein noch heute lebendiger Mythos im Mittelpunkt steht, sondern weil sich aus diesem Ereignis Erkenntnisse, Innovationen und Vorschriften ableiten lassen, die seitdem zum festen Bestand von Brandschutz und Brandbekämpfung gehören.
Die Brandrisiken in einer noch immer mittelalterlichen Großstadt
Als das Feuer am 2. September 1666 in der City of London ausbrach, hatte die Themsestadt gerade erst ein Jahr des Schreckens hinter sich. Von den rund 300.000 bis 400.000 Einwohnern starb 1665 nahezu jeder Sechste an der Pest. Einige bauliche und soziale Bedingungen, die den Ausbruch der Epidemie zum Teil begünstigten, waren auf verheerende Weise auch förderlich für Brandkatastrophen: enge, verwinkelte Gassen, viele trotz eines Verbotes strohgedeckte Häuser aus Holz, massenhaft in den Speichern für Schiffsausrüstung gelagertes brennbares Material wie Schießpulver und die dauerpräsenten offenen Feuer in Leuchtmitteln oder Kochstellen.
Zum mittelalterlichen Stadtbild gehörten sogenannte Jetties, mehrstöckige Wohnhäuser, deren Obergeschosse zur Raumgewinnung nach vorn auf die Straße auskragten und dort fast das gegenüberliegende Gebäude berührten. Den Behörden war das erhöhte Brandrisiko durchaus bewusst. Strenge Erlasse zum Anriss solcher Wohnhäuser oder zur Inhaftierung der Bauherren blieben jedoch praktisch wirkungslos. Eine noch intakte Stadtmauer und schmale Straßen zu den Toren erweisen sich später als Hemmnis bei der Evakuierung und Brandbekämpfung.
Die Bevölkerung hat ein wachsames Auge
Weil kleinere Brände an der Tagesordnung waren, gab es eine erstaunlich gut organisierte Brandbekämpfung durch die Bürger der jeweils betroffenen Pfarrgemeinden. Hunderte Nachtwächter zogen in regelmäßigen Patrouillen durch die Straßen und alarmierten bei Feuer oder Rauchentwicklung sofort mit Handglocken. Im Stadtgebiet standen in jeder Pfarrkirche Löscheimer, Leitern und lange Haken bereit, um Fassaden einzureißen. Wassertürme und Wasserrohre wie auch die Themse sollten im Brandfall Löschwasser liefern. Es gab sogar bereits mobile Feuerlöschpumpen. Sie waren auf Rädern oder Schlitten montiert, jedoch so schwerfällig, dass sie später im Einsatz versagen sollten.
Wie der Brand entstand und bekämpft wurde
Das Feuer brach nach Mitternacht in einer Bäckerei in der schmalen Pudding Lane aus, etwa in der Mitte zwischen Tower und St.Pauls Cathedral gelegen. Als dem Eigentümer das Löschen seines brennenden Hauses nicht gelang, blieb nur die Evakuierung. Dabei starb eine Hausmagd in den Flammen, die den beherzten Sprung vom Obergeschoss ins Nachbarhaus nicht wagen wollte. Die nach einer Stunde eintreffenden Gemeindewachtmeister ordneten das Niederreißen der umstehenden Häuser an. Daraufhin entbrannte ein Streit mit den Hausbesitzern, den der herbeigerufene Lord Mayor klären sollte. Dieser musste mit ansehen, wie weitere Häuserzeilen in Brand gerieten und das Feuer rasch auf Lagerhallen in Themsenähe übergriff. Weil angeblich die Eigentümer der nächsten bedrohten Mietshäuser nicht greifbar waren, lehnte der Lord Mayor den von den Gemeindewachtmeistern geforderten Abriss ab. Der Ostwind tat ein Übriges. Bald standen rund 300 Häuser in Flammen – darunter die Gebäude auf der London Bridge.
Am Sonntagabend hatte sich die Flammenwand schon einen 500 Meter langen Weg nach Westen gebahnt, wobei der Feuersturm einen Kamineffekt entwickelt, der die Katastrophe vollständig machte. Bis zum 5. September waren beim größten Brand in der Geschichte Londons die meisten Areale innerhalb der Stadtmauern zerstört und noch über sie hinaus Wohngebiete im Westen. Nur die Themse im Süden verhinderte eine Ausbreitung auf südliche Wohnviertel. Längst hatten Brandbekämpfer große Brandschneisen gezogen – teilweise durch Sprengungen. Menschenketten, die Wasser vom Fluss zum Feuer transportieren sollten, kamen wegen der panikartigen Flucht der Einwohner nicht zustande oder zerfielen wieder.
Die für sicher gehaltene St. Pauls Cathedral hatte zu diesem Zeitpunkt ein Holzgerüst, was dem Feuer den Weg auf das Bleidach bahnte. Es schmolz und verwandelte dieses Wahrzeichen in eine Ruine. Mit Nachlassen des Ostwinds bewährten sich jedoch die hastig angelegten Brandschneisen, sodass zur Wochenmitte endlich Entwarnung gegeben werden konnte. Zu diesem Zeitpunkt kampierten unzählige obdachlos gewordene Londoner im Umfeld ihrer rauchenden Trümmerstadt. Schnell kamen – haltlose – Verschwörungsgerüchte über eine Brandlegung durch katholische Gruppen auf.
Die Nachwirkungen
Offiziell starben beim Großen Brand von London acht bestätigte Personen, nach anderen Angaben sechs oder neun. Seitdem wird über die tatsächlichen Opferzahlen gestritten, da möglicherweise viele Menschen unregistriert an Rauchvergiftungen und Verbrennungen starben. Von vielen Todesopfern könnten nicht einmal Skelette geblieben sein. Während manche Historiker von bis zu mehreren tausend Toten sprechen, gibt es dafür keinen Anhalt in zeitgenössischen Quellen. So dürfte die in Panik erfolgte nächtliche Flucht der Londoner für die meisten lebensrettend gewesen sein. Dagegen wurden über 13.000 Häuser und 87 Pfarrkirchen zerstört. Runde 200.000 Menschen verloren ihre Bleibe. Rund 80 Prozent der alten City of London waren in den Flammen untergegangen.
Schon 1667 entwickelte eine eigens geschaffene Kommission neue Brandschutzvorschriften. Insbesondere wurde nun verstärkt eine präventive Eindämmung sich ausbreitender Brände durch bauliche Maßnahmen angestrebt. Die Bauvorschriften regelten demzufolge Abstände und Baumaterialien. Die Epoche der überkragenden Stockwerke in Holzbauweise war damit vorbei. In einem First Rebuilding Act wurden Stockwerkhöhen und Wandstärken vorgeschrieben. Es gab nur noch drei standardisierte Haustypen, die höchstens vier Etagen haben durften.
Für die neuen Hauptstraßen waren jetzt Mindestbreiten vorgeschrieben. Der Kai an der Themse wurde ebenfalls verbreitert. Bei der Brandbekämpfung hatte es ein Zuständigkeitswirrwarr zwischen den Pfarrgemeinden und privaten Initiativen gegeben. Auch in dieser Richtung wurde nun mehr Klarheit geschaffen, die ersten professionellen Feuerwehren wurden gegründet. Zudem entstanden erstmals spezialisierte Feuerversicherungsgesellschaften. Die Stadtplanung eines neuzeitlichen Londons, durchgehend aus Stein oder Ziegel errichtete Gebäude und ein bereits bei den Vermessungsarbeiten berücksichtigter Brandschutz sind Lehren aus der Katastrophe, die bald auch in den anderen Metropolen der damaligen Zeit ankamen.
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